Hartes Los des Loslassens
Die norwegische Romanautorin Hanne Ørstavik beschreibt in ihrem neuen Buch mit dem Titel »ti amo« den langen Abschied von ihrem schwer erkrankten Mann. Die Liebe war noch jung, sie hatten sich vor noch gar nicht langer Zeit kennengelernt und entschieden, miteinander zu leben. Doch die schwere Krebsdiagnose verändert alles. Plötz-lich kehrt sich die Perspektive um: War es bis dahin ein Aufbruch – in eine neue Liebe, in ein gemeinsames Leben, in eine neue Stadt –, standen nun die Zeichen auf Abbruch, Abschied und Loslassen. Die Frist wird schmal. Ørstavik beschreibt dabei eindrücklich die Perspektive des nächsten Angehörigen eines Schwerkranken, der vieles mittragen muss. Sie begleitet ihren Mann zu den Arzt- und Krankenhausterminen, untersützt ihn, besorgt Medikamente und hilft, wo sie kann. Sie beschreibt ihre angespannte Gefühlswelt. Die Krankheit ist wie eine Mauer zwischen dem gesunden und dem erkrankten Partner. Man versucht, so viel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten und gute Momente zu haben – auch die Hochzeit wird noch gefeiert – und lebt dennoch unter dem Schatten des nahen Abschieds. Doch dieser liegt in einer Tabuzone. Der erkrankte Mann möchte, wie einem Urinstinkt folgend, nichts von der Terminierung des Endes und dem Sterbenmüssen wissen, glaubt immer wieder an medizinische Möglichkeiten. Irgendwann wird klar, dass es eine zweite Operation nicht mehr geben wird. Als sie das ihrem Mann mitteilt, ist er entgeistert. Ørstavik schreibt: »… Aber was machen sie dann, sagst du, wenn sie nicht operieren und die Chemotherapie nichts mehr hilft? Lassen sie mich einfach sterben?, fragst du, und es scheint ein vollkommen neuer Gedanke für dich zu sein, als trätest du in ein Gebiet hinter einer Absperrung, ein Feld, in dem du nie zuvor gewesen bist, wo du einfach gar nichts weißt, und es tut weh, dich so zu sehen, dein Gesicht, der Ausdruck darin, als würdest du fallen, ohne dich an etwas festhalten zu können, und jetzt bekomme ich Angst um dich, Angst davor, dass du Angst bekommst und traurig wirst und verloren in deiner Angst umherwanderst, (…) und als du kurz darauf eine Hürde in dir nimmst und auf der Seite der Hoffnung landest und sagst, du glaubst, dass alles gut gehen wird, da antworte ich dir bloß, dass ich das auch glaube, auch wenn das nicht stimmt, denn ich glaube es nicht.« So wird der lange Sterbeprozess auch ein Prozess der Entfremdung voneinander, als würde sich der Kranke immer weiter in das von den Lebenden abgewandte Reich der Toten hineinbewegen und der Gesunde mit aller Macht sich an das Reich der Lebenden klammern. Es ist das Verdienst dieses Romans von Hanne Ørstavik, dass er diese Widersprüchlichkeit der Gefühle – zwischen Liebe und Loslassenmüssen – schmerzhaft ehrlich beschreibt. Deutlich wird auch, wie notwendig die Fürsorge für die Angehörigen Schwerkranker ist, dass sie auch Entlastung, Zuwendung und Zuspruch nötig haben. Am Ende des langsamen Sich-Entfernens steht aber eine neue Art der Verbundenheit, die geistiger Natur und eine Ahnung von etwas Größerem hinter allem ist. Beim Besuch der Basilika San Vitale und dem Betrachten der kunstvollen Oberflächen der Marmorsäulen erlebt die Autorin Folgendes: »Dieses Sein. Diese Linien im Marmor. Dieses Bild. Und du bist irgendwo dazwischen. Zwischen den stillen Marmorsäulen und dem strahlenden Mosaik im Chor. Zwischen allem, was ist, kommst du auf mich zu, bist du bei mir, bist du.« Ein berührender Lebens- und Liebesroman, der das monströse Leiden aus seiner Stumm-heit erlöst, schmerzhaft traurig und dennoch nicht ohne Hoffnung...
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