Vertrauen ins Sterben
Unter dem Titel »Ein Leuchten« hat der norwegische Literaturnobelpreisträger Jon Fosse eine kleine Erzählung veröffentlicht, die als eine mystisch-poetische Annäherung an den Sterbeprozess verstanden werden kann. Ein Mann fährt eines Tages mit seinem Auto los – aus der Situation einer tiefen Langweile; er fährt ziellos durch das Land, auf immer einsamer werdenden Landstraßen, in immer kargere Gegenden. Dann biegt er ab in einen Waldweg, auf dem er irgendwann stecken bleibt. Er kann weder vor- noch rückwärts fahren, steigt aus, geht einen Pfad entlang, immer tiefer in den Wald hinein. Es dunkelt. Er verliert die Orientierung. Er friert, ist ratlos, weiß nicht weiter. Da erscheint ihm in der Ferne ein Leuchten, das näher kommt. Dann hört er Stimmen. Und dann wieder nicht. Zeit und Raum und ordnende Kategorien entgleiten. Das Geschehen übersteigt alles Begreifen. Es kommt zu Begegnungen, zu einem Prozess des Verwandeltwerdens, des Eingehens und Aufgehens in etwas Größerem. Am Ende wird das Leuchten zu einem gleißenden Licht. Man fühlt sich erinnert an das Wort Arthur Schopenhauers: »Ich glaube, wenn der Tod unsere Augen schließt, werden wir in einem Lichte stehen, in welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.« Der rätselhafte Text Fosses birgt an vielen Stellen Raum für eigene Assoziation. Manchmal klingen bekannte Motive an oder Gottes geheimnisvolle Selbstvorstellung am brennenden Dornbusch, der doch nicht verbrennt: »Ich bin, der ich sein werde.« Nach und nach wächst die Ahnung, dass die diesseitige Dimension nicht alles ist und es ein Bezogensein auch auf Jenseitiges gibt. Die Lektionen des Sterbens stehen vor Augen: Loslassen, Sich-Überlassen, vieles hinter sich lassen, eigene Kräfte und Möglichkeiten verlieren, Demut, das Verstehen verlieren, aufbrechen in ein unbekanntes Land. In Fosses Erzählung scheinen auch viele Erkenntnisse der Nahtodforschung eingegangen zu sein wie auch der religiösen Deutung des Lebens und Sterbens. So erscheint dieser letzte Gang am Ende als etwas, das nicht allein geleistet werden muss, sondern dem man sich auch vertrauensvoll überlassen kann. Es wirken größere Kräfte an einem. Und das ist durchaus tröstlich...
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