Der Krakauer Tischler und Dichter Mordechaj Gebirtig hatte die Ereignisse vorhergesehen: »Es brennt, Brüder, es brennt! / Es kann bald kommen der Moment, / dass unsere Stadt mit uns zusammen / zu Asche wird durch Flammen. / Bleiben werden, wie nach einer Schlacht, / nur kahle schwarze Wänd!«, schrieb er 1938. Das war ein Jahr, bevor die deutschen Nationalsozialisten das Nachbarland Polen überfielen und in ihrem Rassenwahn auch die ehemalige Residenzstadt Krakau »judenrein« machen wollten. Vier Jahre später fiel auch der 1877 im jüdischen Stadtviertel Kazimierz geborene Gebirtig dem Terror zum Opfer: Am 4. Juni 1942 wurde er von deutschen Soldaten erschossen – auf dem Weg zu den Waggons, in denen die Krakauer Juden zum Vernichtungslager Bełżec verfrachtet wurden.
Heute erinnert eine Gedenktafel an Gebirtig, der, wie ihn Zeitgenossen beschrieben, »tagsüber an Möbeln und nachts am jiddischen Lied hobelte«. Seine Werkstatt befand sich in einem der typischen Hinterhäuser, deren Wohnungen über einen langgezogenen Balkon zu erreichen waren. Der Hof mutet noch an wie damals, doch neben der Eingangstür des Vorderhauses zeigt sich, dass sich in Kazimierz die Zeitläufte geändert haben: Vor kurzem wurde eine Klingelanlage angebracht, die den Zugang zu Gebirtigs Geburtshaus versperrt. Man benötigt nun einen mehrstelligen Zahlencode, um die Eingangstür zum Hinterhof zu öffnen...
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