Der große Pädagoge Wolfgang Bergmann gibt in seinem letzten Buch Zeugnis seines Sterbens. Stefan Seidel hat »Sterben lernen« gelesen.
Als der bekannte Pädagoge und Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann kurz vor seinem Ruhestand steht, ahnt er nicht, dass seine größte Lernaufgabe noch vor ihm steht. Knochenkrebs, fortgeschrittenes Stadium, wird diagnostiziert. »Die Nachricht kam abrupt, unvorbereitet.« So beginnt Bergmann die Aufzeichnungen aus seiner Todeszone, die unter dem Titel »Sterben lernen« als Buch erschienen sind. Wolfgang Bergmann will sich bewusst der Erfahrung seines Sterbens aussetzen – und davon Zeugnis geben. Auf der Palliativstation schreibt er in sein Notizbuch über das Nahen des Todes. Mit den Kräften seines Verstandes versucht er der neuen Situation Herr zu werden. Doch er scheitert. »Meine Krebs-Information birgt ein Geheimnis. Das Geheimnis des Welträtsels: Der Geburt und des Sterbens. Und beide sind unsäglich, gehen jeder Erfahrbarkeit voraus.« • Plötzlich erhebt sich in ihm lauter Widerstand: »Ich will nicht vergehen, in mir glüht noch so viel Lust auf Leben.« Doch: »Es gibt kein Entkommen.« Bergmann erlebt sich zum ersten Mal in seinem Leben als ausgeliefert. Weder sein Verstand, noch sein Charakter, noch sein Mut können etwas ausrichten. »Das ist dir alles längst aus der Hand geschlagen.« Er sieht sein »großes Ego-Ich« vergehen wie den Schnee im Frühjahr. Doch das Bedrohliche gebiert unerwarteten Trost. »Das Unvermeidliche hat auch eine behütende Kraft.« Es kommt, wie es kommen muss. • Bergmann bemerkt, dass er sich selbst verfallen sieht. Der ihm angebotene Trost macht alles nur dumpfer und leerer. Die Zeit rutscht weg. Der gegenwärtig erlebte Moment »wird fortgeschleift, fortgetrieben in viel zu großer Schnelligkeit auf jenes Ende hin.« • Bergmann überlegt: Soll er noch etwas Außergewöhnliches tun? Und erkennt: Der Alltag, das Gewöhnliche, der Trott – das war und ist der Stoff des Lebens. Jenseitshoffnungen kann er sich nicht hingeben. Aber die mittelalterliche Mystikerin Mechthild von Magdeburg berührt ihn. »Zuversichtskeime« dringen in sein Inneres. Er hofft, sie tragen ihn in den letzten Stunden. • Die wichtigste Lektion seines Lernens ist Demut. »Es kommt nicht mehr auf dich an – versteh das endlich und tu trotzdem das Richtige.« Der Sog des Todes wird stärker, mit ihm kommt eine große Müdigkeit. »Habe ich Angst?«, fragt sich Bergmann. »Seltsamerweise wenig.« Der Übergang steht bevor. Er ist schwer. »So viel Endgültigkeit, so viel Ende fasst ein menschlicher Geist nicht.« • Auch das Lehren muss der große Lehrer aufgeben, denn »es gibt kein richtiges Sterben« (Annelie Keil im Nachwort). Jeder stirbt seinen eigenen Tod. Doch nicht allein er. Wie bei der Geburt scheinen größere Kräfte am Wirken, die alles übernehmen. Am 18. Mai 2011 stirbt Wolfgang Bergmann kurz nach Vollendung seines letzten Textes...
Sie lesen die Vorschau
Sie haben diese Ausgabe gekauft oder ein digitales Abo?
Dann melden Sie sich an, um den vollständigen Artikel zu lesen.
Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe {ausgabe}.


