»Mein Name ist Heinig … Herr Heinig!« – Mit diesen Worten hatte sich im letzten Juli der Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) an der Haustür meiner Eltern vorgestellt. So jedenfalls erinnert sich meine Mutter an die Szene. Vielleicht sagte er auch »Doktor Heinig«, aber diesen Titel muss man nicht führen, um dem MDK-Passus »ärztlicher Gutachter« zu genügen. Eine fachärztliche Qualifikation genügt. Im Falle von Herrn Heinig jedoch erwies sich »Qualifikation« als äußerst dehnbarer Begriff, mit dem ähnlich klingenden »Qualität« ausschließlich durch den Wortstamm verbunden. Weder fand er ein mitfühlendes Wort für meine Mutter, noch hielt er es für nötig, ihr Fersen-Ödem und die dazugehörige Diagnose, nach der meine 72-Jährige Mutter den Fuß eigentlich überhaupt nicht mehr belasten sollte, in seinem Bericht zu vermerken. Dort stand am Ende nur: »Pflegeperson im Rentenalter«. Weit mehr als für solche unliebsamen Details interessierte sich Herr Heinig für das Haus meiner Eltern. »Schickschick«, sagte er mehrfach, und: »Sie haben’s ja gut hier.« Vor lauter Bewunderung des Interieurs fiel ihm gar nicht auf, dass es sich bei diesem Rentnerpalast nur um ein typisches Reihenhaus handelte. In seinem Gutachten wuchs es zu einem Zweifamilienhaus an, in dessen »Zwischengeschoss« er neben das Schlafzimmer, in dem mein Vater gerade mit Sterben beschäftigt war, praktischerweise auch das Badezimmer halluzinierte...
Sie lesen die Vorschau
Sie haben diese Ausgabe gekauft oder ein digitales Abo?
Dann melden Sie sich an, um den vollständigen Artikel zu lesen.
Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe {ausgabe}.

